Lünne – Klanxbüll

Montag, 19. Juli, bis Dienstag, 27. Juli 2010; 978 km

Das Losfahren am nächsten Montag in Lünne fällt mir schwer. Sie nennen es hier Kirmes. In Wirklichkeit ist es eine Sause, trotz Alkoholexzess aber familiär, ohne Proleten und Raufbolde. Meine Schätzungen gehen dahin, dass rund 20% des jährlichen Alkoholkonsums in diesen 2 Tagen verbraucht wird.

Es ist Montag, 10:00h und ich sitze also wieder auf dem Rad. Es ist zudem heiß und flach, wirklich flach. Die einzigen Steigungen sind an Überführungen und kleinen Hügeln. Diese Hügel heißen hier Berge. Die westliche Ausbuchtung Deutschlands im Norden von Nordhorn gehört zur Grafschaft Bentheim. Die dortigen einsamen Straßen zeichnen sehr viele Schlaglöcher aus.

Der Campingplatz in Haren ist voll belegt. Ein Telefonat mit dem Campingplatz in Lathen ergibt, dass dort noch freie Plätze sind. Ich fahre also weiter. Der Campingplatz in Lathen ist viel kleiner und auch fast voll belegt, ich finde aber noch ein freies Plätzchen. In dem angrenzenden Hotel nehme ich das Abendessen ein und trinke zum Tagesabschluss noch eines der nicht ganz so preiswerten, aber gepflegten Biere.

Es ist eine sehr ruhige Nacht. Der Campingplatz ist nachts im Besitz von Wildkaninchen, ein leises Knabbern ist zu vernehmen. Am nächsten Morgen gönne ich mir noch ein Frühstücksbuffet im angrenzenden Hotel. Der Preis für das Frühstück ist wieder normal, für den Zeltplatz aber günstig.

Es wird dann heiß, so um die 30°C, bleibt aber windig. Der Wind kommt weiter aus Nord-Ost, also etwas Gegenwind, der erfrischend kühlt. Die Fahrt durch die Polder am Dollart ist wieder sehr einsam. Da fahren nur ganz wenige Autos und auch nur einige Radfahrer. Für Abwechslung sorgt die Emsfähre von Ditzum nach Pektum. Die kann sogar ein Auto mitnehmen. Ab Pektum fahre ich nicht an der Grenze weiter, sondern mache einen Abstecher nach Moormerland. Eine Fahrt voll gegen den Wind. Die Kette springt auch wieder. Ich werde also den Antrieb putzen und einstellen. Dazu habe ich am nächsten Tag, einem Ruhetag, genügend Zeit.

Am Donnerstag stehe ich, trotz der Bequemlichkeiten des Ruhetages, bereits um 8:00h auf und sitze um 10:00h wieder auf dem Rad. Jetzt weht ein ansehnlicher Wind aus westlicher Richtung, gegen den ich anfahren muss. Nach etwa 30 km ändert sich meine Fahrtrichtung nach Norden und der Wind stört dann nicht weiter. Das Hauptstück der Strecke führt später in östliche Richtung, immer hinterm Deich. Das ist äußerst angenehm und lässt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf beachtliche 18 km/h anwachsen. Spät am Nachmittag, zur Kaffeezeit esse ich ein belegtes Brötchen. Zum Abend noch ein Rotbarschfilet mit Salatgarnierung und einigen Pommes in Neuharlingersiel. Der Campingplatz dort ist proppenvoll, auch die Zeltfäche, eine angrenzende Wiese, ist gut belegt. Man erfasst hier viele Daten, fast den gesamten Lebenslauf. Auf meine Nachfrage, wann diese Daten wieder gelöscht werden, ernte ich ein verlegenes Lächeln. Eine Antwort hierauf bekomme ich nicht.

In der Nacht regnet es etwas, in Ostfriesland nichts Ungewöhnliches. Am Morgen ist, bis auf das Überzelt, aber fast alles wieder trocken. Um 8:00h habe ich schon eingepackt und sitze beim Bäcker zum Frühstücken. Auf dem Campingplatz in Neuharlingersiel hat es mir überhaupt nicht gefallen. Da war irgendwie nur Gedränge, der Platz ist einfach überfüllt. Und Jugendliche, die in einiger Entfernung zelteten, haben bis 3:00 h tiefsinnige Gespräche geführt, ich habe es nur bis in den Halbschlaf geschafft.

Die Fahrt führt wieder hinterm Deich entlang. Der Wind hat allerdings gedreht und kommt jetzt aus dem Norden. Das stört zunächst nicht, nach der halben Umrundung des Jadebusens dann aber doch, ich habe jetzt Gegenwind. Und es regnet wieder. Ich setze erstmals meine Rainlegs ein. Die erfüllen ihren Zweck ganz gut, mir wird auch nicht so kalt auf dem Rad.

Der Campingplatz in Tossens gefällt mir besser. Da ist es geordneter, das kommt bei mir besser an. Allerdings gibt es eine einmalige Besonderheit: Neben der Kurtaxe wird noch ein Umweltbeitrag fällig. Das summiert sich dann auf stattliche 14 € für eine Nacht. Zur Abrundung des Gebührenklaviers ließe sich dieser Beitrag sinnvollerweise noch durch eine CO2-Abgabe ergänzen. Aber das scheint der Gemeinde noch nicht eingefallen zu sein.

Heute hab ich hart zu kämpfen. Der Sturm bläst den ganzen Tag aus Nordwest. Zudem ist es, im Vergleich zum Tourbeginn richtig kalt, maximal 20 °C tagsüber. Seit Tagen springt auch wieder die Kette. Ich habe schon alles Mögliche versucht um das zu beheben, bisher erfolglos, es wird im Gegenteil immer schlimmer. Heute wäre ich aus diesem Grund auch beinahe gestürzt. In Bremerhaven lasse ich in einem Radgeschäft den Antrieb untersuchen. Das niederschmetternde Urteil: Die Zähne der Kettenblätter und Ritzel sind abgeschliffen und die Teile müssen, wie die Kette, erneut werden. Zudem sei das mittlere Kettenblatt schwierig zu bekommen. Eine Reparatur ist wegen der fehlenden Ersatzteile nicht möglich. Ich radle also weiter und will ab Montag versuchen ein Fahrradgeschäft am Wegesrand zu finden, das den Schaden beheben kann.
Heute übernachte ich auf dem Campingplatz in Otterndorf. Das kostet mich 8 €. Mit diesem Campingplatz bin ich dann auch, nicht nur wegen des Preises, voll zufrieden.

An den Campingplatz in Otterndorf grenzt bei der Schleuse die Seglerklause. Dort servieren sie, in angenehmer Gesellschaft von Seebären, ein ausgezeichnetes Frühstück. Das kommt mir gerade recht, denn die Nacht war wegen des starken Sturms sehr unruhig. Das Zelt hat geflattert und geächzt.
Es wird ein schöner, sonniger Tag mit angenehmen Temperaturen. Mein einziges Zugeständnis an den Norden: Ich ziehe jetzt Socken in den Sandalen an. Das lässt die Fuße weniger auskühlen. Der Radantrieb arbeitet nach wie vor zuverlässig. Von Zeit zu Zeit springt die Kette, ich kann aber weiterfahren. Der Wind bläst den ganzen Tag aus Nordwest. Bis Glückstadt bedeutet das Rückenwind, dann heftigen Gegenwind.
Auf dem Campingplatz in Friedrichskoog bin ich durch Nachfragen gelandet. Der ist nirgends ausgeschildert. Obwohl ich heute schon bei Mc Donalds ein sogenanntes Menü gegessen habe gehe ich am Abend noch aus und verspeise im Restaurant Harlekin eine Scholle mit Speck. Der Kalorienüberschuss heute ist ein Ausgleich für die letzten Tage.
Auf dem Campingplatz in Friedrichskoog zeltet mir gegenüber eine Familie aus Saarlouis. Weit und breit sind freie Stellplätze. Die Familie hat auch einen Lieferwagen, mit dem sie am Abend auf den Campingplatz zurückkehrt. Der Wagen wird 2 m neben meinem Zelt geparkt, obwohl genügend andere Stellplätze, z. B. neben ihrem Zelt, zur Verfügung stehen. Dann wird die Schießtüre am Wagen 5x auf- und zugeschoben. Auf meine Nachfrage, ob ich umziehen soll, erhalte ich die Antwort, dass sie doch nur ihre Arbeit machen und der Zeltplatz 100m weiter sei. Stunden später wird der Lieferwagen umgestellt.

Am nächsten Tag finde ich in Meldorf einen Fahrradgeschäft, das mir aufs Warten die Kette und das Ritzel auswechselt. Die vorderen Kettenblätter sind aber auch beim Großhändler nicht vorrätig. Man empfiehlt mir in Flensburg wieder nachzufragen, da an der Ostsee für Räder mehr Geld ausgegeben würde und dort so etwas im Lager sein könne.
Nach der Reparatur kann ich das kleine und mittlere Kettenblatt nicht mehr benutzen, da die Kette nicht mehr in die Zähne greift. Das große Kettenblatt funktioniert dagegen einwandfrei. Also fahre ich wider allen Gewohnheiten nur noch auf dem großen Blatt. Das ist ohne Steigungen auch kein Problem und erhöht zudem die Durchschnittsgeschwindigkeit. Ich schaffe es bis zum Campingplatz Simonsberg, immerhin 128 km, trotz des Aufenthalts für die Reparatur.

Der Campingplatz in Simonsberg hat keine kleinen Butterstücke oder Margarinepackungen. Man will mir ein halbes Pfund verkaufen. In der Not verzichte ich zunächst auf ein Frühstück, packe zusammen, fahre nach Husum und frühstücke dort im Café Tine am Hafen. Auf der Karte wird beim einem erweiterten Frühstück ausdrücklich und gegen Aufpreis Wurst erwähnt. Ich erhalte tatsächlich ein Scheibchen davon. Auf meine Beschwerde geht man nicht ein, ich verlasse nach dem Frühstück, hungrig wie zuvor, das Café. Besänftigt haben mich dann erst die Fleischerei Kinsky und das Bäckerfachgeschäft Meyer in Bredstedt, die Schnitzel, Bratkartoffeln und Kuchen zu vernünftigen Preisen anbieten.

Das Wetter ist richtig toll heute, viel Sonne, aber auch viel Gegenwind aus Nordwesten. Ich suche weiterhin an der Westküste nach den Kettenblättern. Zwischen Meldorf und Niebüll kann ich die nicht auftreiben. Jetzt habe ich mit RadAb in Flensburg eine Verabredung und das Versprechen die Blätter am Donnerstag oder Freitag erneuert zu bekommen. Vermittelt hat das Zweirad Andresen in Niebüll. Dafür möchte ich mich auch an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken.

Der Campingplatz in Klanxbüll liegt einsam und alleine auf weiter Flur. Nachts sind gerade mal die Windräder zu hören. Mit mir haben ein Campingwagen und zwei weitere Zelte übernachtet. Ein Zelt gehört einer Radfahrerin, die auch solo hier auf diesem einsamen Platz übernachtet. Das finde ich richtig mutig von der Frau, da sie damit rechnen musste hier ganz allein zu sein. Auffällig ist ihr sehr langes Zelt. So etwas habe ich noch nie gesehen.