St. Malo – Caen

Mittwoch, 12. August 2009, bis Sonntag, 16. August 2009; 410 km

Am Nachmittag auf der Weiterfahrt zum Mont St. Michel verschärft sich plötzlich das Problem mit dem Vorderrad, die Felge schleift stark am Bremsgummi, ein Weiterfahren ist nicht mehr möglich. Die Untersuchung zeigt, dass die Achse enormes Spiel hat. Da ich am Naben-Dynamo schon montiert habe, kann ich den Schaden mit zwei, an einer Tankstelle geliehenen, Schraubenschlüsseln reparieren. Danach läuft das Rad wieder einwandfrei. Bis zum Mont St. Michel habe ich es heute trotzdem nicht mehr geschafft und zelte in Beauvoir. Der Campingplatz ist überfüllt, man schläft dicht an dicht, der Atem der Camper aus dem Nachbarzelt ist zu vernehmen und die Nacht furchtbar. Da ich als einer der letzten mein Zelt dazwischen gezwängt habe entschuldige ich mich am nächsten Morgen mit einer kleinen Flasche Rotwein, die ich den Nachbarn neben ihr Auto stelle.

Der nächste Morgen beginnt mit Nieselregen. Das ist aber das kleine Übel. Nach ca. 2km, der Mont St. Michel ist schon zu sehen, bricht das Lager in der Vorderachse. Weiterfahren ist nicht mehr möglich, mir ist gleich klar, dass ich ein neues Vorderrad brauche. Was tun? In meiner Not frage ich im nächsten Hotel (Hotel de la Digne, bei dem ich mich an dieser Stelle für die Hilfe nochmals bedanken möchte) nach, ob hier irgendwo ein Radgeschäft sei. Ich habe das unverhältnismäßige Glück an eine deutsche Praktikantin zu gelangen, die sich hier bestens auskennt. Natürlich gäbe es hier kein Radgeschäft, das nächste sei in Pontorson, das ich ja per Bus erreichen könne. Sie bietet mir noch an Rad und Gepäck im Hotel unterzustellen und ich ziehe los zur nächsten Bushaltestelle, mit dem Vorderrad in der Hand. Der Bus kommt erst in einer halben Stunde. Um die Zeit nicht nutzlos verstreichen zu lassen strecke ich den Anhalterdaumen heraus und schon das dritte Auto hält. Ein freundlicher Elsässer bietet mir an, mich nach Pontorson mitzunehmen. Er fährt direkt ins Radgeschäft und verhandelt dort. Es stellt sich heraus, dass ein passendes Rad zwar vorhanden sei, allerdings ohne Nabendynamo. Eine Reparatur des kaputten Rades sei nicht möglich. Da ich lieber ein Ersatzrad mit Dynamo kaufen möchte frage ich nach dem nächsten Radgeschäft. Das ist in Dol de Bretagne. Der freundliche Elsässer fährt mich auch dort hin, der Ort liegt auf seinem Weg. Dort gibt es aber nicht einmal ein passendes Ersatzrad. Ich bin dann bis zum Decathlon in Saint-Jouan-des-Guérets weiter getrampt. Auch dieses Geschäft hat natürlich kein Ersatzrad mit Dynamo. Also habe ich ein einfaches Rad ohne Dynamo gekauft und bin wieder zurück getrampt. Das ging wieder problemlos, ohne Wartezeiten. Trampen mit einem oder zwei Vorderrädern in der Hand ist ein weiterer Geheimtipp. Bereits um 14:00h ist das neue Rad montiert.

Das Wetter am Nachmittag ist immer noch durchwachsen, aber schon ohne nennenswerten Niederschlag. Nach Carolles sind respektable Steigungen zu überwinden. Auf dem Zeltplatz dort geht es dann recht familiär zu. Meine Nachbarn wollen mir Tomaten schenken, was ich aber ablehne, da ich diese nur sehr ungern esse. Sie sind etwas beleidigt. Um mit warmem Wasser duschen zu können muss man eine Münze erwerben. Das war aber nicht möglich, da die Rezeption bereits geschlossen war. Vom Nachbarn auf der anderen Seite bekomme ich eine solche Münze geschenkt. Auf all das Glück, das mir heute am 13. widerfahren ist, genehmige ich mir zum Tagesabschluss ein kleines Fläschchen Rotwein von 0,25 l.

Von Cambernon bis Cherbourg verläuft eine aufgelassene Bahntrasse, die als Radweg ausgebaut ist. Das ist natürlich eine willkommene Abwechslung zu den Steigungen an der Küste. Entsprechend schnell komme ich auch voran, habe bereits um 17:00h die 100 km zurückgelegt und will in St.-Sauveur-le-Vicomte übernachten. Die freie Zeit benutze ich für einen Friseurbesuch. Das Einchecken auf den Campingplatz gestaltet sich etwas bürokratisch. Für mich werden Kosten von 6,00 € errechnet. Das Ausfüllen der Formulare war aber schon teurer. Insgesamt stellt sich die Normandie aufgeräumter dar als die Bretagne, auch die Häuser sind irgendwie massiver und alles scheint in Ordnung. Das gilt auch für das Wetter, das sich wieder erholt hat, am Abend ist der Himmel blau.

Am nächsten Tag löst sich der Nebel erst um 12:00h auf. Da ich immer noch auf dem Bahndamm fahre stört er nicht. In Cherbourg habe ich, wie in Brest, keine besonderen touristischen Attraktionen gefunden. Beide Hafenstädte machen einen sehr tristen Eindruck. Die anschließende Fahrt an der Küste ist aber ein Höhepunkt der gesamten Tour. Es ist nicht nur der starke Rückenwind, der mich die enormen Steigungen hochbläst, oder der Reiz der Landschaft, es reiht sich eine Attraktivität an eine andere. Die Bilder geben einen kleinen Eindruck davon.

Den zunächst angesteuerten Campingplatz in Quinéville empfinde ich als Zumutung. Ich soll mitten auf dem Platz, quasi auf dem Präsentierteller, zelten. Da die Bezahlung erst am nächsten Tag vereinbart ist, fliehe ich. Der nächstgelegene Campingplatz in St. Marcouf-de-L’Isle macht einen sehr netten Eindruck. Auch die Betreiber sind hier freundlich und zuvorkommend. Diese Erfahrung habe ich fast überall in der Bretagne gemacht. In der Normandie ist das anders.

Am nächsten Tag gibt es kaum noch Anstiege. Dafür wird an den Plages du Débarquement am Nachmittag der Verkehr dicht, es ist nur noch ein zähes Fortkommen möglich. Der erste Versuch einen Zeltplatz auf einen Campingplatz in Colleville-Montgomery zu finden gipfelt in einem unverschämten Angebot. Es ist der letzte freie Zeltplatz auf dem Campingplatz „des Salines“. Das Angebot nehme ich erst mal dankbar an. Nachdem ich das Fleckchen gesehen habe, bin ich schon wieder auf der Flucht. Der gesamte Campingplatz ist nicht nur überfüllt und mein Zeltplatz liegt direkt an einer Hauptverkehrsstraße, er wird von den Anliegern zudem für sachfremde Zwecke missbraucht. Es war nicht schwer einige Hinterlassenschaften und das zugehörige Klopapier zu entdecken. Ich bin jedenfalls weitergeradelt und habe schließlich auf dem Campingplatz Muncipal des Pommiers in Ouistreham eine adäquate Übernachtungsmöglichkeit gefunden.